MATHIAS ROLOFF

English below

Was wäre, wenn...?

Was wäre, wenn die Bäume in unserer unmittelbaren Umgebung, die vor großen Kreuzungen,
neben Straßenbahngleisen oder vor kargen Fassaden stehen, in einer weiten Landschaft emporragten?
Was wäre, wenn sich ihre Erhabenheit und Schönheit in einem freien Raum entfalten könnten?
Wären sie nicht ein Ruhepol, auf dem unser Blick verharren würde und der die Zeit für einen
Moment stillstehen ließe? Und würden sie uns nicht ein Gefühl von innerer Freiheit vermitteln?

Dieses Gedankenspiel war der ursprüngliche Impuls für die Entwicklung meines Kunstprojekts.
Die Schaffung einer traumhaften, zeitlosen Atmosphäre ist ein wichtiger Aspekt meiner
künstlerischen Arbeit. Zumeist bilden erdachte Landschaften Bildräume, in denen sich die
Betrachtenden verlieren können, die einladen zu verweilen und die Gedanken schweifen zu lassen –
so auch in meiner Serie „Was wäre wenn...?“, in der ich einzelne Bäume und Baumgruppen aus
dem Stadtraum in eine neue fantastische Umgebung überführe. Die Ausblendung der städtischen
Gegebenheiten bewirkt eine Konzentration auf das jeweilige charakteristische Erscheinungsbild
des Baumes und gibt ihm einen Raum zur Entfaltung seiner Pracht. Bei der Wahl der fotografischen
Motive als Grundlage der späteren Übermalungen suchte ich vor allem unattraktive Plätze im
Stadtteil auf, an denen man in der Regel ungern lange verweilen möchte – Plätze voller Lärm
und Unruhe. Dies verstärkt den Kontrast zwischen dem ursprünglichen und dem künstlichen Umraum.
Die entstandenen Arbeiten regen eine bewusstere Wahrnehmung der alltäglichen Umgebung an und
laden ein, die Schönheit „vor der Haustür“ zu entdecken und sich an ihr zu erfreuen.

Neben dem künstlerischen Kern des Projekts wurde ein wissenschaftlicher, politischer und
kultureller Diskurs angeregt, der die Wertschätzung des Naturraums als Kulturgut und die
Wahrnehmung des eigenen Stadtteils zum Gegenstand hatte. Der bewusste Umgang mit der Natur
in der Stadt ist mit zunehmender Verdichtung der Gebäudesubstanz und der Veränderung des
Klimas ein Thema mit großer gesellschaftlicher Relevanz. Interessierte Bürger*innen waren zu
einem Gedankenaustausch im Rahmen mehrerer Veranstaltungen eingeladen. Für diesen Projektteil
konnte ich verschiedene Hohenschönhausener Institutionen gewinnen, die ich seit vielen Jahren
kenne. Ihr Expert*innenwissen ermöglichte die Auseinandersetzung mit dem Thema aus unterschied-
lichen Perspektiven.

Das Projekt wurde 2019 in Berlin-Hohenschönhausen realisiert. Es wurde gefördert durch den
Bezirkskulturfonds Berlin-Lichtenberg.

Mathias Roloff, November 2019

What if...?

What if the trees in our immediate neighborhood – standing in front of large intersections,
next to tram rails, or in front of barren facades – rose up in a vast landscape? What if their
majesty and beauty could unfold in an open space? Wouldn't they be a haven of tranquility
where time would stand still for a moment? Wouldn't they create a feeling like inner freedom?
This play of thoughts was the original impulse while developing my art project "What if...?

Creating a dreamlike, timeless atmosphere is an important aspect of my artistic work. In most
cases imaginary landscapes form spaces which invite the viewer to lose himself and let the
thoughts wander. That is what you can do in my series "What if...?" as well. In this series
I transfer individual trees and groups of trees from urban space into a new fantastic environment.
The fading out of the urban conditions causes a concentration on the characteristic appearance of
the tree and lets him unfold its splendor. When choosing the photographic motifs as the basis
for the later overpaintings, I mainly sought out unattractive places in the district where people
usually do not like to linger for long - places full of noise and restlessness. This increases the
contrast between the original and the artificial surroundings. The created works stimulate a more
conscious perception of the everyday environment and invite to discover and enjoy the beauty
"on the doorstep".

In addition to the artistic, aesthetic idea of the project, a scientific, political and cultural
discourse was stimulated, which focused on the appreciation of the natural environment as a
cultural asset and the perception of one's own district. The conscious handling of nature in the
city is a topic of great social relevance as the building structure becomes increasingly dense and
the climate changes. Interested citizens had the chance to exchange ideas within a program of
several events. For this part of the project I was able to engage various institutions in
Berlin-Hohenschönhausen that I have known for many years. Their expert knowledge enabled me to
deal with the topic from different perspectives.

The project was realized in Berlin-Hohenschönhausen in 2019.
It was funded by the Bezirkskulturfonds Berlin-Lichtenberg.

Mathias Roloff, November 2019